Erniedrigung ist nicht das Ende der Welt

10.06. - 01.10.2017, Theater im Pumpenhaus Münster

Die Theaterregisseurin Monika Gintersdorfer (* 1967 Lima, lebt in Berlin) und der bildende Künstler Knut Klaßen (* 1967 Münster, lebt in Berlin) entwickeln seit 2005 transkulturelle Tanz- und Performance- Projekte. Dabei gelingt es ihnen, eine differenzielle, ethnische und kulturelle Vielheit, wie sie seit den 1990er Jahren von der Theorie der Dekolonisation gedacht wird, ins Werk zu setzen.

Das Team realisiert seine Produktionen mit einem Netzwerk von internationalen Tänzer/Sänger/Künstler/Filmemacher/ Charakterdarsteller_innen. Die Erfahrungen der Akteur_innen aus unterschiedlichen religiösen, politischen und gesellschaftlichen Zusammenhängen bilden die Grundlage von oft diskursiven, stets subversiven Stücken, die um existenzielle Fragestellungen wie Identitätssuche, Religion und Machtstrukturen kreisen.

In der Aufführungspraxis treffen spezifische kulturelle Codes, durch die Performer_innen repräsentiert, aufeinander: Gesten, Mimik, Kostüm und Habitus werden gegeneinander und miteinander ausagiert. Die Akteur_innen konfrontieren die Zuschauer_innen mit eigenen zugespitzten Thesen über Politik, Versagensängste oder afrikanischen Gangsterstolz. Die Darsteller_innen übersetzen dabei simultan die Sprachbeiträge ihrer Kolleg_innen. In die Gestaltung der Kostüme fließen Referenzen auf afrikanische Kleidungskultur und auf plastisch-performative Kunst der europäischen Avantgarde sowie der 1970er Jahre ein.

Während der Skulptur Projekte nutzen Gintersdorfer/Klaßen das Theater im Pumpenhaus als Produktionsstätte für neue Performances und fragmentarische Wiederaufführungen bestehender Stücke. Die Besucher_innen können dort an sechs Tagen in der Woche Proben, Aktionen und die Arbeit an der neuen Produktion mit dem Titel Kabuki noir Münster miterleben. Mit dem japanischen Kabukitänzer Toyohiko Fujima erarbeiten die Darsteller_innen eine Performance, in der sie sich den Kabuki-Codes annähern, um ein tieferes Verständnis dieser Darstellungsform zu erlangen.

Das japanische Kabuki wurde seit dem 16.Jahrhundert als eine komplexe Theatersprache erschaffen, die Tanz, Gesang, Lautenmusik, Bühnenelemente und schauspielerischen Ausdruck zusammenbringt. Die Szenen eines Kabuki-Stücks sind im Gegensatz zur westlichen Aufführungspraxis keinen Veränderungen ausgesetzt–die dargestellten Situationen haben rituellen Charakter. Da die Texte im originalen Frühneujapanisch vorgetragen werden, erhalten im Kabuki-Theater selbst japanische Zuschauer_innen über Kopfhörer Hinweise zum Verlauf der Handlung. Gintersdorfer/Klaßen erhoffen sich durch die Entwicklung des neuen Stücks eine Reflexion ihrer eigenen Routinen und eine Integration von vorhandenen rituellen und spirituellen Dimensionen in eine neue Form von Ästhetik.
Nicola Torke
Theatre director Monika Gintersdorfer (* 1967 Lima; lives in Berlin) and visual artist Knut Klaßen (* 1967 Münster; lives in Berlin) have been developing transcultural dance and performance projects since 2005. Together they have generated a differential ethnic and cultural diversity as conceived by decolonization theory in the 1990s.

The team bring their productions to life with a network of international dancers, singers, artists, film-makers, and character actors. The theatrical performances, which are often discursive and always subversive, are based on the participants’ own stories, an assortment of experiences defined by a variety of religious, political, and social contexts.

The works focus on existential themes such as religion, power structures, and the search for identity. The performance is characterized by the clash of particular cultural codes, represented by the performers themselves: they act out their gestures, facial expressions, costumes, and attitudes, countering and supporting one other. The actors confront the audience with their own pointed remarks about politics, the fear of failure, or African gangster pride, while fellow performers simultaneously translate what has been said. The costume designs make reference to African clothing culture and to the sculptural performative art of the 1970s and Europe’s avant-garde.

During the Skulptur Projekte, Gintersdorfer/Klaßen are using the Theater im Pumpenhaus as a production site for new performances and fragmentary re-enactments of existing plays. Six days a week, visitors can come there to witness rehearsals, activities, and work on the new production, which is entitled Kabuki noir Münster. In collaboration with the Japanese kabuki dancer Toyohiko Fujima, the actors are developing a performance in which they try to come close to the kabuki codes to gain a deeper understanding of this form of presentation.

Japanese kabuki was created in the sixteenth century as a complex theatrical form that unites dance, chants, shamisen playing, scenery, and the actors’ dramatic expression. Unlike the Western conception of theatre, the scenes in a kabuki performance do not change—the depicted scenes have a ritual character. As the script is recited in the original Early Modern Japanese, even Japanese viewers are given information about the performance via headphones. Through the evolution of this new piece, Gintersdorfer/Klaßen hope to reflect on their own routines and incorporate existing ritual and spiritual dimensions into a new aesthetic form.
Nicola Torke